Russland überzieht Kiew mit Luftangriffen
Laut den Behörden gab es allein in Kiew mehr als 20 Tote und rund 90 Verletzte. Bürgermeister Witali Klitschko sprach vom schwersten Angriff seit Kriegsbeginn. Russland habe fast 500 Drohnen und über 70 Raketen auf die Ukraine abgefeuert, erklärte Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko auf dem Onlinedienst Telegram.
Auch interessant
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte Vergeltung für den massiven russischen Angriff auf Kiew an. "Wir sind für einen gerechten Frieden, eine gerechte Beendigung des Kriegs, und solange es das nicht gibt, für gerechte Reaktionen", sagte er Journalisten an einem der Einschlagsorte in der Hauptstadt.
Hauptangriffsziel sei Kiew gewesen. Russland bezeichnete den Großangriff als Vergeltung für ukrainische Angriffe auf zivile Infrastruktur. Zuletzt hatte die Ukraine ihre Angriffe auf Ziele tief in Russland verstärkt und dabei vor allem die Energie-Infrastruktur ins Visier genommen, was dort zu Treibstoffengpässen führte.
48 Raketen und fast 500 Drohnen
In Kiew seien mehrstöckige Gebäude - darunter ein Hotel - in Flammen aufgegangen, einige Wohnhäuser komplett zerstört worden, berichtete das Nachrichtenportal "The Kyiv Independent". Rettungskräfte suchten in den Trümmern eines neunstöckigen Wohnhauses nach Überlebenden. "Ein Teil des Gebäudes wurde buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Dort laufen weiterhin Such- und Rettungsmaßnahmen. Unter den Trümmern wird noch immer nach Menschen gesucht, darunter ein 15-jähriges Mädchen und ihre Familie", sagte Klitschko. "Unser Haus brennt. Der Angriff dauert immer noch an", schrieb die Kiewer Einwohnerin Iryna Plechowa auf Facebook unter dem Foto eines halb zerstörten Wohnhauses. "Wir haben keine Wohnung mehr."
Tausende Einwohner Kiews suchten in Luftschutzkellern und U-Bahn-Stationen Zuflucht. Bürgermeister Vitali Klitschko rief für Freitag einen Trauertag aus. In der gesamten Metropole mit rund drei Millionen Einwohnern seien Schäden verzeichnet worden. Präsident Selenskyj brach einen Besuch in Irland vorzeitig ab und erklärte, an mehr als 20 Orten in der Hauptstadt seien Schäden gemeldet worden.
Außenminister Andrij Sybiha erklärte, Kiew habe eine "Nacht des Schreckens" erlebt. Die EU-Botschafterin in der Ukraine, Katarina Mathernova, erklärte, Russland habe "die Hölle über Kiew entfesselt". Dabei sei auch eine Unterkunft für diplomatisches Personal getroffen worden. Die Diplomaten blieben unverletzt, ihre Habseligkeiten wurden jedoch bei dem Brand beschädigt. Zudem wurde das Nationale Institut für Biochemie schwer beschädigt. "Dies ist eine Katastrophe für die medizinische und biologische Wissenschaft der Ukraine", sagte der Biologe Jurij Danylowytsch der Nachrichtenagentur Reuters.
Insgesamt hat Russland bei seinem Großangriff in der Nacht nach Angaben der Ukraine 74 Raketen und 496 Drohnen eingesetzt. Die Luftabwehr habe davon zwar 48 Raketen und 476 Drohnen abfangen können, teilte die ukrainische Luftabwehr mit. 25 Raketen und zwölf Drohnen seien aber an 33 Stellen eingeschlagen. Auch in anderen Städten der Ukraine - darunter Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie Sumy und Charkiw im Nordosten des Landes - gab es Berichten zufolge Luftalarm und Explosionen. Der Gouverneur von Saporischschja, Iwan Fedorow, schrieb in der Früh von drei Verletzten.
Selenskyj fordert Hilfe bei Flugabwehr
Selenskyj fordert nach dem schweren russischen Luftangriff auf Kiew schnellere Hilfen für die Flugabwehr. "Der Nachschub an Flugabwehr für die Ukraine hat eine absolute und kritische Priorität", schrieb Selenskyj in sozialen Netzwerken. Wichtig sei jeder Beitrag zum PURL-Programm, bei dem NATO-Staaten Waffen in den USA kaufen und an die Ukraine übergeben. Die Vereinbarungen zur Produktion neuer Abfangsysteme für ballistische Raketen müssten vorangetrieben werden. Selenskyj hoffte auch darauf, dass die USA der Ukraine den Bau von Patriot-Abwehrraketen in Lizenz erlauben.
Angesichts der Angriffe ließ das NATO-Mitglied Polen vorübergehend Kampfjets aufsteigen. Finnland schränkte zudem kurzzeitig den Luftraum über dem östlichen Finnischen Meerbusen in der Ostsee ein. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas drang auf eine anhaltende militärische Unterstützung für die Ukraine. Sie kündigte an, als Reaktion auf die Angriffe weitere Sanktionen gegen Einrichtungen vorzuschlagen, die Russlands Rüstungsindustrie beliefern.
Moskau spricht von Angriffen auf Rüstungsbetriebe
Das russische Militär listete unterdessen mehrere Rüstungsbetriebe in Kiew auf, denen der nächtliche Luftangriff angeblich gegolten habe. Dazu zählten die Antonow-Flugzeugwerke, in denen Drohnen gebaut würden, und zwei Fabriken für Radioelektronik, die Steuerungen für Drohnen und Raketen produzierten. "Russland wird den Druck auf das Regime in Kiew weiter erhöhen, um seine gesetzten Ziele zu erreichen", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag.
Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die zentralrussische Region Nischni Nowgorod wurde ein Mensch getötet. Zudem seien vier Personen verletzt und eine Industrieanlage beschädigt worden, teilte Regionalgouverneur Gleb Nikitin mit. In der Region, die Hunderte Kilometer von der Front in der Ukraine entfernt liegt, befindet sich unter anderem die Norsi-Ölraffinerie, die zu den größten Raffinerien in Russland gehört. Die Anlage wurde bereits wiederholt von der Ukraine attackiert. Die Ukraine hat zuletzt ihre Angriffe auf Ziele tief in Russland verstärkt und dabei vor allem die Energie-Infrastruktur ins Visier genommen. Dies führte zu Treibstoffengpässen in Russland, wodurch der drittgrößte Ölproduzent der Welt zu Benzinimporten gezwungen wurde.
OE24 TV Live-Stream
OE24 TV Live-Stream
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden