Jubiläum

So knapp stand das MQ vor dem Scheitern

Ausstellung mit Architekturmodell auf Tisch, Zeichnungen und Fotos an neutralgrauen Wänden.
© SIMON VERES
Wie kaum ein anderes Projekt hat das MuseumsQuartier Wien als größtes Kulturbauvorhaben der Zweiten Republik polarisiert und zugleich die Stadt Wien so verändert. Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums blickt das MQ auf seine Erfolgsgeschichte zurück.
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"Es ist eigentlich ein Wunder, dass das Museumsquartier letztlich verwirklicht wurde." - Zu diesem Fazit kommt der Kunsthistoriker Andreas Nierhaus. Denn was heute so selbstverständlich als Kultur-, Gastro- und Freizeitoase funktioniert, war jahrelang heiß umkämpft - Stichwort Leseturm - und stand gar an der Kippe. Die Jubiläumsschau "Vision und Widerstand", kuratiert von Nierhaus, erzählt nun im Freiraum anschaulich die spannende wie konfliktgeladene Genese des MQ.

"Wir haben uns gedacht, 25 Jahre Museumsquartier sind ein guter Anlass dafür, einen Blick darauf zu werfen, wie sich das Areal stets weiterentwickelt und transformiert hat", meinte MQ-Chefin Bettina Leidl am Montag bei einer Presseführung. Die ständige Wandlung reicht dabei nicht nur in die jüngere Vergangenheit zurück, sondern setzt schon bei der Konzeption des historischen Baus an. Beauftragt von Kaiser Karl VI., begannen 1719 am Rand des Glacis die Arbeiten für Stallungen, die 600 Pferde und 200 Karosserien beherbergen sollten.

Was aus einem Zuhause für 600 Pferde wurde

Die Pläne stammten vom "Superstar der Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts" (Leidl) und Karlskirche-Erbauer Fischer von Erlach. Ein utopisches Konzept, das in der Form nie verwirklicht wurde - und damit vorwegnahm, was sich drei Jahrhunderte später beim MQ wiederholen sollte. Davor wurde der Gebäudekomplex nach dem Untergang der Monarchie jahrzehntelang als Messepalast und für große Ausstellungen genutzt. Fotos und Plakate dokumentieren etwa die "Jochen-Rindt-Show" 1967.

Nach diesen beiden recht kompakt gehaltenen Einführungskapiteln setzt dann der Hauptfokus der Ausstellung ein, die zeitlich ab Mitte der 80er-Jahre verortet ist. Zu dieser Zeit begannen sich die Pläne, das Areal als Kulturinsel zu nutzen, zu konkretisieren. Eine der wichtigsten Weichenstellungen markiert dabei das Jahr 1990, als ein kühner Entwurf von Laurids und Manfred Ortner zum Sieger des Architekturwettbewerbs gekürt wurde. Ein großes Original-Modell von damals sowie zahlreiche Pläne und Skizzen dokumentieren, was eigentlich in den Höfen hätte gebaut werden sollen - nämlich "ein Forum für Gegenwartskunst und neue Medien", wie es Nierhaus ausdrückte. Geplant gewesen sei gewissermaßen "das Gegenstück von dem, was heute dasteht", wie es der Kurator zuspitzte.

Sturmlauf gegen das "Museumsmonster"

© SIMON VERES

Wie kam es dazu? Mit der Präsentation des "visionären Konzepts" (Nierhaus) setzte prompt die "lange, intensive und nicht sehr erfreuliche Debatte" um dessen Umsetzung ein. Neben Bürgerinitiativen und Experten wurde die heftige Auseinandersetzung vor allem von bestimmten Medien - allen voran von der "Kronen Zeitung" - befeuert, die mit Begriffen wie "Museumsmonster" gegen das Bauvorhaben Sturm lief. Es ist eine nette Pointe, dass die Ausstellungsmacher eine Collage an Zeitungsausrissen just auf ein Turmmodell affichiert haben, war doch der projektierte, 67 Meter hohe Leseturm das Zentrum der Aufregung. Er hätte als Landmark über die Frontmauern des Komplexes hinaus dienen sollen, verschwand aber im Lauf der Jahre ebenso von den Plänen wie etwa das einst viel größer konzipierte Museum für zeitgenössische Kunst.

Denn: "Die politisch Verantwortlichen haben kalte Füße bekommen", so Nierhaus. So gesehen grenzt es an ein Wunder, dass die mehrfach - und unter Aufbringung von viel Geduld seitens der Architekten - abgeänderten Pläne "mit einem letzten Kraftakt" doch noch realisiert wurden, nachdem das Projekt zuvor fast schon als gescheitert galt. Nach drei Jahren Bauzeit - auch davon gibt es in der Schau eindrückliche Fotos und Filmaufnahmen - wurde das Museumsquartier am 29. Juni 2001 schließlich feierlich eröffnet.

Die Architekten wollen den Turm

In einem kleinen Bereich schaut "Vision und Widerstand" auch in die Zukunft des Areals. Dabei geht es nicht nur um die laufende Begrünungs- und Nachhaltigkeitsinitiative "MQ goes Green" - Leidl: "Spätestens seit dem vergangenen Hitzewochenende zweifelt wohl niemand mehr an der Sinnhaftigkeit." - oder den avisierten Umzug des Haus der Geschichte Österreich als erste inhaltliche Erweiterung seit der Eröffnung. Ortner und Ortner selbst haben für die Ausstellung Ideen für die kommenden MQ-Jahre in großen Kreidezeichnungen zu Papier gebracht. Und siehe da: Auch dreieinhalb Jahrzehnte nach ihrem ursprünglichen Siegerentwurf halten die beiden an einem Turm als architektonisches Ausrufezeichen fest.

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