Gletscher stirbt

Expertin zur Pasterze: "Die letzten Tage unserer Ikone"

Touristen blicken von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe auf die Pasterze.
© APA/BARBARA GINDL
Andrea Fischer: Das Schwinden der Eiskörper "berührt die Menschen".
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Der anhaltende, rapide Schwund der heimischen Gletscher hat die ikonische Pasterze unterhalb des Großglockners derart schrumpfen lassen, dass ihr das Ende als Österreichs größter Gletscher naht. "Aus Sicht der Glaziologie ist das ein unglaublich spannender Vorgang, den man da beobachten kann", so Andrea Fischer, die viele Eismassen im Zuge ihrer Probennahme- und Vermessungstätigkeit immer wieder besucht. Die Veränderung gehe vielen Leuten durchaus nahe, meint die Expertin.

Eigentlich war es schon um das Jahr 2023 recht knapp, ob die Pasterze oder der im Kaunertal liegende Gepatschferner flächenmäßig die Nase vorne haben. Mit seinem auf italienischem Staatsgebiet liegenden Teil wäre der Tiroler Gletscher schon länger größer als die Pasterze.

Was tut sich am "Hufeisenbruch"?

Im Gegensatz zu letzterer hat der Gepatschferner eine sehr schmale Gletscherzunge. Schmilzt also, wie in den vergangenen Jahren, das Eis weiter unten stark ab, nimmt die Fläche der Pasterze mit ihrer recht flach auslaufenden, breiten Zunge proportional mehr ab als beim oberhalb des Kaunertals liegenden Ferner. "Um also die Pasterze zu überholen, reicht es quasi, an dem lahmenden Gaul vorbeizupreschen", sagte Fischer, die am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck arbeitet, zur APA.

Tatsächlich wurde bereits vor drei Jahren über das Abreißen der Pasterzenzunge spekuliert, im vergangenen Jahr war es dann schon sehr knapp. Wie tief der mit Eis gefüllte Graben unter dem neuralgischen Teil am Übergang zur Zunge - dem "Hufeisenbruch" - eigentlich ist, sei unklar. Jedenfalls fällt dort kaum Sonnenlicht ein, was dazu führt, dass sich in einem tiefen Einschnitt, quasi einer Klamm, das Eis offenbar recht lange hält.

Trauriges Ende eines Wahrzeichens: Wir weinen um unsere Pasterze!


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Besucher betrachten Informationstafeln vor dem Pasterzengletscher bei der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe.

Besucher betrachten Informationstafeln vor dem Pasterzengletscher bei der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe.

© APA/BARBARA GINDL

Blick auf die graue Pasterze, Gletschersee und schneebedeckte Berge unter blauem Himmel.

Blick auf die graue Pasterze, Gletschersee und schneebedeckte Berge unter blauem Himmel.

© APA/BARBARA GINDL

Blick auf den grauen Gletscher Pasterze mit Gesteinsschutt und Moränen am Großglockner.

Blick auf den grauen Gletscher Pasterze mit Gesteinsschutt und Moränen am Großglockner.

© APA/BARBARA GINDL

Von "Eltern" und "Kindern"

2025 entdeckte Fischer auch bereits im Firngebiet von Österreichs noch größtem Gletscher vereinzelte Löcher. Am Gepatschferner ist das Eis im oberen Teil viel mächtiger als am Großglockner und präsentierte sich zuletzt auch recht stabil. Obwohl der Tiroler Gletscher "nur" bis auf rund 3.500 Meter Seehöhe hinaufreicht, wird ihm voraussichtlich ein längeres Leben gegönnt sein als der bis fast 3.800 Meter reichenden Pasterze, meint die Glaziologin.

Kartiert werden Gletscher nach ihrem Auseinanderbrechen dann als "Kinder" eines zuvorigen "Elterngletschers" aus glaziologischer Sicht sofort nach dem Abreißen der letzten Eisverbindung. Um den Rückgang des Gesamteises über die Zeit nachvollziehen zu können, führen die Forschenden die Eismassen aber auch später noch wie einen einzigen.

Der untere Teil der Pasterze liegt in zwei Vertiefungen im Felsbett, in denen sich mittlerweile Seen entwickeln. Dort kommt auch aus den darüberliegenden Felsflanken viel Schutt und Sand auf das verbliebene, weitgehend unbewegte Eis, wodurch die Reste der Zunge stellenweise kaum mehr erkennbar sind. In so einem Fall spricht man von "Toteisfeldern", denen jegliche Verbindung zum Firngebiet fehlt.

Letzte Tage einer "nationalen Ikone"

Für die Gegend um den Großglockner mit der markanten Hochalpenstraße rechnet die Wissenschafterin mit einem gewissen "Katastrophentourismus, weil es ja wirklich etwas ist, was man als Österreicherin und Österreicher, und alle, die hier wohnen und urlauben, gesehen haben sollte - die letzten Tage unserer nationalen Ikone". Seit dem Bau der Hochalpenstraße, die in der Zwischenkriegszeit auch ein Symbol für das nach dem Ersten Weltkrieg neu konfigurierte Land sein sollte, und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Tourismusfaktor wurde, ist der ikonische Blick auf die früher höchst eindrucksvolle Pasterzenzunge eines der klassischen Motive des Landes.

"Diese rasche Änderung ist etwas, was man zum Beispiel mit Kindern gesehen haben sollte", meint Fischer. Immer wieder melden sich Menschen mit ihren Geschichten zu der Gegend, zum "Glockner" und der Pasterze, bei der Glaziologin: Der Schwund "berührt die Menschen". Ein Faktor ist auch die Wasserwirtschaft, die mit dem vielen Sediment, das nun zutage kommt, zurechtkommen muss.

Am Weg zu historisch höchsten Durchschnittstemperaturen

Klimageschichtlich besonders interessant ist, dass Gletscher wie die Pasterze oder der Gepatschferner, deren Zungen recht tief hinunter reichen, immer wieder bei früheren Vorstößen vorher bewachsene oder gar als Almen genutzte Flächen oder Moore mit Eis überdeckt haben. So sind alte Baumstämme und Moor-Biomasse unter den sich nun schnell zurückziehenden Eismassen konserviert. "Anhand dieser beiden Gletscher kann man die Klimageschichte Österreichs für die letzten 10.000 Jahre rekonstruieren", betonte Fischer.

Sehe man, wie weit das Eis schon dezimiert ist, werde klar, wie weit wir uns aktuell schon "den bisher wärmsten Temperaturen annähern und wie wir dabei sind, die zu überschreiten. Das ist die ganz große Botschaft dieses Vorgangs". Steht man just an diesem Ort, werden einem die Dimensionen der Veränderungen erst richtig bewusst.

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