Festspiel-Premiere
"Fledermaus" bringt die Roaring Twenties nach Reichenau
Einen veritablen Coup haben die Festspiele Reichenau mit ihrer Eröffnungsproduktion gelandet, die am Mittwochabend viel Premierenapplaus erhalten hat. Nils Strunk und Lukas Schrenk verlegten "Die Fledermaus" von Johann Strauss ins Wien des Jahres 1926 - jenes Jahr, in dem die Operette zur Eröffnung des Reichenauer Theaters gegeben wurde - und inszenierten einen rasanten Mix aus Revue, Musical und Persiflage.
Da geht die Post ab!
"Die Zeit, sie rennt, das Geld verbrennt. Was zählt, ist der Moment. Es wankt der ganze Kontinent." Textzeilen wie diese treffen die gesellschaftliche Grundstimmung der Zwischenkriegszeit, den viel zitierten Tanz auf dem Vulkan. Die Roaring Twenties dominieren den entsprechenden Sound des Abends, den eine hinreißende Band intoniert. Zwischen Swing, Blues und Charleston gibt es Anklänge an Country und Rumba, auch Gershwin schaute kurz vorbei, und bei der Abschiedsszene zwischen Eisenstein (Raphael von Bargen) und Rosalinde (Eva Mayer) - ein famoses Paar - wähnte man sich kurz im Buena Vista Social Club. Natürlich alles auf Grundlage der originalen Strauss'schen Melodien in sehr gekonnten Arrangements.
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Die Handlung folgt dem ursprünglichen Verlauf, wenn auch mit kleinen Variationen. So taucht der Gefängniswärter Frosch (Sebastian Wendelin) bereits im ersten Akt auf. Seine Komödiantik findet vor allem in einer Stolperorgie Ausdruck, wie überhaupt viel Slapstick zum Einsatz kommt. Der Tenor Alfred (Gerhard Kasal) erweist sich ebenfalls als ziemlicher Tollpatsch, und so manche choreografische Einlage verdeutlicht gekonnt den Trunkenheitsgrad der tanzenden und feiernden Gäste - darunter Gefängnisdirektor Frank (Jakob Semotan) - beim Fest des Prinzen Orlofsky (Moritz Mausser).
Dessen Auftrittssong gerät zur pompösen Musical-Arie, als wär's das "Phantom der Operette". Aber im weiteren Verlauf kann Mausser sich auch schauspielerisch profilieren. Sehr gelungen ist die erste Szene mit dem Advokaten Blind (Helmut Bohatsch), der hier kein stotternder Idiot sein muss, sondern sich mit Eisenstein ein wunderbares Wortgefecht liefert. Und Adele (großartig herb: Julia Edtmeier) verkauft sich nicht nur als angehende Schauspielerin, sondern auch als Fotomodell und Medium, das sogar mit einer Séance für Spannung sorgt. Verzichtet hat man auf das dämliche "Ührchen", mit dem Eisenstein die vorgebliche ungarische Gräfin lockt: Sie raubt ihm einfach den Ehering vom Finger.
Wunderbare Wortgefechte und eine finale Schlägerei
Das Finale mündet in eine umfassende Schlägerei, und zuletzt stehen alle recht ramponiert an der Rampe, ehe Falke (Peter Lesiak) zaghaft versöhnlich das Lied vom "Brüderlein und Schwesterlein" anstimmt. Der "Eifersuchtstango" als Zugabe war dann schon fast zu viel des Guten an diesem doch fast dreistündigen Abend. Glücklich ist, wer vergisst - an diese originelle "Fledermaus" wird man sich allerdings noch lange erinnern.
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